Guter Abend

26. Februar 2008

Pete Morton beim Musik machen zu erleben, war für mich ein Genuss und das gemeinsame Konzert von den New Foggy Few mit Olli Plöger und ihm ein ebensolcher. Pete singt aus vollem Herzen. Er singt, was ihn beschäftigt. Er singt vom Zusammenleben der Menschen, er singt von der Schönheit der Welt, aber auch von Gorilla-Damen, Postschalter-Warteschlangen und natürlich von der Liebe. Nicht zu vergessen natürlich in seinem all-time-favorite “Another Train” von vertanen Chancen und der Gewissheit, dass es immer eine zweite gibt im Leben. Seine Lieder sprechen nicht nur mir aus dem Herzen

Mein lieber Freund Olli ebnete Pete als Support den Weg in einen gelungenen Abend voller toller Songs, wippender Füße und fröhlicher Gesichter in der Marktscheune in Vlotho, gleich gegenüber der St. Stephanskirche. Mit seinem unnachahmlichen Spiel und Gesang sowie seiner wie immer ansprechenden Mixtur von Popsongs deutscher und englischer Zunge hatte er sofort die rund 100 Gäste in der urigen alten Deele auf seiner Seite. Egal ob schmachtende Popballade von Rob Thomas, Klassiker wie “Top of the World” von den Carpenters oder Deutsches von Stefan Gwildis oder Heinz Rudolf Kunze: Olli, der “Mann mit dem Körperteil aus Holz” (das ist seine eigene Formulierung - jeder darf selbst raten, welches das sein könnte, auch gerne Mr. Medley genannt) hat sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums. Na gut, einigen die da waren, waren ihre Unterhaltungen wichtiger als die Musik, aber das gehört ja zur rustikalen Atmosphäre eines solchen Konzertes. Wie bei seinen letzten Auftritten üblich, brachte der Vlothoer Lokalmatador mit “Schwere Wasser” auch eines seiner selbst verfassten Stücke, das mich in seiner Bildsprache immer ein wenig einen Herbert Grönemeyer erinnert. Ein feines Stück Musik, wobei ich hoffe bald mehr aus dieser viel versprechenden Feder Geschriebens hören zu können. Mit merklicher Vorfreude leitete Olli über zu Pete Morton mit einem kleinen Zitat, dem Anfang von “Another Train”: “The Beginning is now….”

Als Pete a-cappela einsteigt, bin ich sofort gefesselt. Er sprüht von Lust am Gesang und am Leben, und der Freude sie mit seinem Publikum teilen zu können. Seine kräftige und trotzdem nicht rauhe, volle Stimme füllt den Raum, sein Gitarrespiel ergänzt den Klang zu einem wunderbaren Ganzen. Inka neben mir schmilzt dahin. Der Sound stimmt, Pete selbst ist ganz begeistert von Thomas’ neuer Anlage, die alle Nuancen rüber bringt und bei der der Musiker sein eigenes Wirken genauso hört wie alle anderen im Raum. Geniales Bose-Teil.

Ja, und wir waren auch ganz gut an diesem Abend. Für Organisator Rudolf Döhr war unser Auftritt spätestens beim zweiten Stück gerettet, als wir wie so oft im ersten Set zu Beginn Mike Scotts “Fisherman’s Blues” rausgehauen haben. Fast alle, sogar fast bis hin zur sonst sehr lautstarken Theke-Sitzer-Fraktion, lauschten dann spätestens als Silvias Stimme zu unsere Version von Stuart Adamsons “Ships” die Hörer in ihren Bann zog. Es hat wieder viel Spaß gemacht, zu merken, wie die Füße beginnen zu Wippen und sich Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer schleicht. Es war schön zu sehen, wie viele Freunde und Bekannte gekommen waren, aber auch wie viele, die uns nicht kannten, offen waren für das, was wir zu bieten haben. Selbst ein kleiner Stromausfall mitten im Schönsten Echo-Gesang vom “Gallow Song” konnte die Stimmung nicht kaputtmachen.

Nach jeweils zwei Sets von Pete und uns jammten wir noch ein paar feine Stücke gemeinsam mit Olli. Drunken Sailor, damit das Publikum auch noch mitmachen konnte, Olli sorgte für große Begeistrung (auf und vor der Bühne) mit “Just havent found what I’m looking for” und “Watching the Wheels” und dem “San Francisco Blues”.

Am Ende dürften alle in dem Bewusstsein nach Hause gegangen sein, dass sie für einen Zehner eine Menge Spaß und gute Musik bekommen haben. Ach ja, und von der ganzen Veranstaltung soll es irgendwann auch einen Video-Mitschnitt auf DVD geben, gedreht vom Profi Norbert Kaase. Ich bin sehr gespannt.

Jammen mit Olli Plöger und Pete Morton

Foggys live in der Marktscheune Vlotho

Foggys (leider ist Jos nicht mit drauf)


Nicht reinkommen

16. Februar 2008

Manchmal gibt es ewig keine Bücher, die ich fertig kriege. Es gibt einfach Zeiten, in denen ich lauter verschiedene Bücher anfange und zu keinem einen Zugang finde. Ich komme mir dann während der ersten Seiten so vor, wie jemand, der mit einem Immobilienmakler durch ein fertig eingerichtetes Heim läuft und sich umschaut, aber sich in keinem der Gebäude zuhause fühlt. Manchmal ist es sogar eher so, als ob ich gerade mal durch die Fensterscheiben in dn Innenraum sehen kann. Er kann sogar oft toll, geschmackvoll oder gediegen eingerichtet sein, aber ich finde den Eingang nicht.

Bei Büchern, die ich gut gefunden habe, war es oft schon nach wenigen Seiten das Gefühl, die Wohnung eines Freundes oder lieben Bekannten zu betreten und es sich dort gemütlich zu machen. Vieles ist unbekannt, aber es ist voller Leben. Ein Leben, auf das ich neugierig bin.

Leider habe ich seit mehreren Wochen kein solches Buch gefunden. Es mag allerdings auch daran liegen, dass ich selbst zu rastlos bin, um mich in Ruhe niederzulassen, und mir nicht die Zeit geben kann, die Atmosphäre auf mich wirken zu lassen.

Lesen ist manchmal Glücksache.


Zurück aus Ägypten (1)

10. Februar 2008

Frisch zurück vom Besuch mit Midsch in Kairo. Ein riesiger Haufen Backsteine, Zement und Asphalt durch den geschätzte 18 Millionen Menschen pulsieren. Meine Vermutung: Kairoer lieben Steine. Nicht nur die der Pyramiden und der Sphinx. Ich verbringe meine Zeit in Kairo bei einem guten Freund aus Studientagen, der dort hin ausgewandert ist. Er wohnt mit Frau und zwei kleinen Töchtern im Stadtteil Gisa und hat eine Wohnung im zehnten Stock mit Balkon und Blick auf die berühmten Pyramiden von Gisa (bei uns oft Gizeh genannt) aber leider ohne Aufzug. Das heißt: es gibt nur einen Aufzugschacht, eher notdürftig mit Holzplatten (im neunten Stock sogar nur mit einer Pappe) gegen den Absturz gesichert. Deshalb ersteige ich die Wohnung immer sehr an der Wand entlang. Oben angekommen bin ich immer froh und mir ist auch warm. Ich möchte lieber nicht wissen, wie es ist, diesen zehnten Stock im Kairoer Sommer zu erklimmen.
Doch zurück zum Balkon: Der Blick über die mit hunderten mit Satellitenschüsseln bewehrten Hochhausdächer auf die Pyramiden ist schon genial. Besonders, wenn sich morgens der Dunst verzieht und die Sicht ganz klar ist. Am Abend gibt es auch zeitweilig farbige Beleuchtung der Pyramiden, was dann und wann auch echt gut aussieht.
Zu meinem Besuch an den Pyramiden erzähl ich später mehr.

Kairo ist laut (eigentlich permanent), staubig, stinkig aber in diesem Februar für uns erträglich warm mit knapp 10 Grad Celsius. Der Ägypter empfindet diese (oder gar noch niedrigere Temperaturen von um die 5 Grad wie in diesem Winter) als enorm kalt und läuft gerne mit Schal und Handschuh herum.

Der Verkehr in Kairo ist eine Geschichte für sich. In einer für deutsche Autofahrer schier unvorstellbaren Art und Weise drängen sich Tag und Nacht Autos durch die größeren Straßen. Auf drei Spuren fahren dann auch mal fünf Autos neben einander. Es wird rechts und links überholt, wie es gerade passt. Wichtigster Bestandteil eines Autos ist seine Hupe. Midsch sagt: “Wer nicht mindestens alle zwei Minuten einmal auf die Hupe drückt, dem wird umgehend die Fahrerlaubnis entzogen.” Zur Not nimmt man auch gerne die Lichthupe, macht aber nur halb so viel Spaß, weil es viel weniger Leute mitkriegen. Für unsere Ohren hört sich der Kairoer Verkehr in bestimmten Verkehrsknotenpunkten Kairos an wie ein immer währender Autokorso. Apropos: Einen Autokorso gab es während unseres Aufenthaltes einmal, nämlich nach dem Halbfinale im Fußball Afrika Cup Ägypten gegen Cote d’Ivoire, das die Ägypter (Gott ist groß!!!!) mit 4:1 für sich entschieden.
Zum Abenteuer des öffentlichen Nahverkehr in Kairo lasse ich mich dann ein anderes Mal an dieser Stelle aus.

Kairo ist für mich trotz bester Betreuung durch Freunde, die sich dort leben oder zumindest schon hier waren ein ziemlicher Kulturschock. So viel Islam auf einmal. Fast nur verschleierte Frauen. Jede Menge Arabisch um die Ohren, das mir bis auf wenige Worte vollständig unbekannt ist und mich deshalb sehr verunsichert. Mit Englisch kommt mal gut, mal schlecht weiter. Ohne Sprachkenntnisse und getränkt mit Vorurteilen und Vorerfahrungen glaube ich ständig, dass man von mir als Ausländer für alles zwischen drei- und zwanzigmal so viele Pfund verlangt wie von den Einheimischen.

Zwar bestätigt sich der Verdacht, dass die Preise für Touristen in vielen Dingen höher liegen, aber sie bleiben trotzdem erschwinglich, weil ein Ägypisches Pfund irgendwas bei 13 Euro-Cent sind. Preise hängen auch davon ab, wo man etwas kauft. In einem Ort wo Touristen erwartet werden und häufig anzutreffen sind, liegen sie immer höher. Auf dem Dorf, wo wir an zwei Tagen unseren alten Lüneburger Freund Mohammed und seine Familie besucht haben, gibt es diese Unterscheidung eher nicht. Aber da haben wir auch keine Gelegenheit etwas zu kaufen. Zum Essen, Tee und Kaffee sind wir sowieso immer eingeladen. In dem Dorf Komelachta (das ist meine Lautschrift, weil ich gar nicht weiß, ob es eine lateinische Schreibweise gibt), das etwas nördlich von Kairo im Nil-Delta liegt, erlebe ich das echte ägyptische Landleben. Hier wird noch viel von Hand gemacht. Bauern haben statt vieler Maschinen oft nur einen Esel und einen Wasserbüffel. Die aus luftgetrockneten Lehmziegeln gebauten Feldhäuser sind im Winter angenehm warm und im Sommer angenehm kühl. Bei Mohammeds Schwager haben wir Gelegenheit in einer solchen Hütte einn Tee zu trinken. Das Dorf selbst hat etwa 10.000 bis 15.000 Einwohner (was sich so Dorf nennt) und die Häuser im Dorf sind aus roten Ziegeln und stehen sehr eng bei einander. Mohammed ist einerseits Bibliothekar an der zuständigen Schule und führt das erste Fotostudio am Ort,mit einem digitaler Fotografie und perfekter Nachbearbeitung. Motto: “With El Shazly your pictures are better”. Überhaupt hat auch hier die moderne Welt längst Einzug gehalten. Viele Leute haben Handys und sind mit DSL im Internet unterwegs während nebenan der Eselkarren vorüberrappelt. Culture Clash in Egypt.

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